Bella figura ? In einem anderen Beitrag habe ich schon einmal kurz den Ausdruck „bella figura“ genutzt und angedeutet, später näher darauf einzugehen. Nun denn, jetzt ist „später“. Machen wir einen kleinen Ausflug in die italienische Lebensart und ihre Besonderheiten 😉

Man könnte nun annehmen, dass sich „bella figura“ auf den rein äußerlichen schönen Schein bezieht. Das ist so zwar nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Ein gutes Äußeres hat einen hohen Stellenwert – egal, wo man sich in Italien befindet, ist aber nicht allein entscheidend dafür, ob man tatsächlich „bella figura“ macht.

 

Einen guten Eindruck machen

Nichts anderes meint „far bella figura“. Erreicht wird dies durch gewisse „Regeln“, die, allen Veränderungen in Gesellschaft und Lebensweise zum Trotz, bis heute in ganz Italien Gültigkeit besitzen.

„Far bella figura“ beschreibt die Kunst, in keinster Weise unangenehm aufzufallen und sich gut zu präsentieren. Und das in einer Art und Weise, in der auch der jeweils andere nicht bloßgestellt wird.

Sich geschmackvoll (was nicht zwingend mit „teuer“ gleichzusetzen ist!) zu kleiden und auf ein sehr gepflegtes Äußeres zu achten ist ein Teil von „bella figura“. Wer wissen möchte, was damit gemeint ist, dem empfehle ich, bei seinem nächsten Besuch in Italien (vielleicht in Rom?) einfach mal die vorbeigehenden Italienerinnen und Italiener genauer zu betrachten. Jogginghose oder –anzug in der Öffentlichkeit? Nope – das trägt man beim Sport, aber never ever in der Öffentlichkeit.

In Rom kann man, wenn man denn lange genug aushält, auf dem Campo die Fiori ab ca 1 Uhr in der Nacht ebenfalls gut „bella figura“ studieren: Die römische Müllabfuhr beschäftigt, im Vergleich zu Deutschland, recht viele weibliche Mitarbeiterinnen. Diese stehen resolut „ihren Mann“, manövrieren gekonnt mit den Kehrmaschinen in engsten Gassen und Winkeln, greifen zum Reisigbesen und fegen x-Quadratmeter römisches Kopfsteinpflaster oder sammeln die Unmengen von Mülltüten ein. ABER: Bevor frau zum Besen greift, werden noch rasch im Rückspiegel die Lippen nachgezogen, die Augenbrauen gebürstet und die Sonnenbrille (ja, auch mitten in der Nacht!) ins wohlgepflegte Haar geschoben. Noch kurz ein Tropfen Parfum aufgetragen – JETZT wird dem Abfall zu Leibe gerückt und die Stadt wieder fein gemacht.

Wer glaubt, das sei ein Einzellfall, der täuscht sich. Ist es nicht. Und das ist nicht nur in Rom so – es sind einfach die von Kind auf verinnerlichten Regeln der „bella figura“. Von Lippenstift und Wimperntusche mal abgesehen gilt das auch für den Herren. Man(n) achtet sorgsam auf gepflegte, stilvolle Kleidung ohne dabei einen geckenhaften Eindruck zu erwecken. Eine Kunst, die die Italiener perfektioniert haben.

 

Doch nur Äußerlichkeiten?

Zwar habe ich bisher nur vom optischen Eindruck gesprochen, das ist aber, wie erwähnt, nur ein Aspekt. Auch das Verhalten gehört zur „bella figura“: man ist freundlich und benimmt sich allgemeinen sehr zivilisiert.

Auch hierzu ein Beispiel: in Rom findet alljährlich im Sommer am Ufer des Tiber ein kunterbuntes Sommertreiben statt. Eine Mischung aus Kram-Markt, Haushaltswaren-Messe, Jahrmarkt und Cocktailparty. Gefühlt zwei Kilometer lang reihen sich auf beiden Seiten des Tibers Cocktailstände mit aufwendigen Sitzarealen, Imbissstände und und und aneinander. Gefeiert und flaniert wird bis weit in die Nacht (oder den Morgen – Ansichtssache). Wo es Andernorts bei den verfügbaren Mengen an Alkoholika gegen 23 Uhr schon ungemütlich werden kann angesichts derer, die zu tief ins Glas geschaut haben, sucht man derartiges dort vergebens. Kaum zu glauben aber wahr: volltrunkene, pöbelnde Italiener (oder –innen) die Körper und Stimme nicht mehr unter Kontrolle haben, sind uns bei all unseren Besuchen auf dieser Partymeile bisher noch nie untergekommen. Auch das: bella figura!

 

Im Arbeitsleben

Hier ist „bella figura“ eine der Grundregeln, an die man sich tunlichst hält! Direkte Konfrontationen werden vermieden, wo es nur geht! Diplomatisches Geschick ist das Mittel der Wahl. Ungeduld zu zeigen, wird als schlechte (und damit zu vermeidende) Eigenschaft betrachtet. Es gilt, dafür zu sorgen, dass beide Seiten ihr Gesicht wahren können und keine Seite bloßgestellt wird. Profilierung im Arbeitsleben auf Kosten von Kollegen – bloß nicht. Man stellt andere nicht bloß, um selbst gut dazustehen. Basta!

 

Bella figura in den Medien

Ja, auch in den Medien gelten diese ungeschriebenen Gesetze bzw. sie werden auf Einhaltung „geprüft“:
Wann immer über wichtige Personen berichtet wird, betrachtet man, neben der eigentlichen Nachricht, auch deren Aussehen, Auftreten und Verhalten. Ganz klar, dass diese Punkte dann auch meist sehr ausführlich kommentiert werden.

 

Und im Freundeskreis?

Auch hier schlägt „bella figura“ zu – und da es Italiener von Kindesbeinen an nicht anders kennen, erwächst daraus kein verkrampfter Umgang. Geht man mit der Clique essen, dann wird der gesamte Rechnungsbetrag auf gleiche Teile auf alle Personen aufgeteilt. Ganz egal, ob man selbst nun für fünf oder für fünfzehn Euro gegessen und getrunken hat. Kein Mensch käme auf die Idee, im Restaurant nach getrennten Rechnungen zu fragen, wenn man zuvor den Abend gemeinsam an einem Tisch verbracht hat!

 

Fazit – ein bisschen „bella figura“ täte allen gut!

Puh, klingt nach ziemlich viel „verbiegen“ und „mehr Schein als Sein“? Nein, ich sehe das nicht so. Im Gegenteil – mit wenig Aufwand macht man mit dieser Art sich und anderen das Leben ein Stück weit angenehmer und drückt auch seinen Respekt vor anderen aus. Eine Lebens- oder vielmehr Verhaltensweise, die manch anderen Gesellschaften auch gut zu Gesicht stünden. Denkt man darüber nach, so beinhaltet „bella figura“ doch lediglich alles, was es für ein angenehmes Miteinander braucht- oder?

Das Gegenteil von „bella figura“ ist übrigens „brutta figura“. Einige „Tipps“, wie man garantiert „brutta figura“ macht, stelle ich Euch in einem anderen Artikel vor 😉 Ob ihr die dann unbedingt anwendet, entscheidet ihr selbst ! 🙂

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